Fenster sein! Nicht Spiegel.
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(TOP 500 REZENSENT)    Rezension bezieht sich auf: Theorie der Halbbildung (Gebundene Ausgabe) ::
Diese schöne Beschreibung von Bildung verdanke ich E.P. Fischer aus seinem Buch: Die andere Bildung. Rilke wird dort zitiert und was er in seinen poetischen Gedanken formte, lässt sich auch hier zur Theorie der Halbbildung bestens verwenden. Bildung ist Durchblick, das Natürliche, das Zusammenhängende wie das Durchdringende. Wissen ist Abfrage und Wettbewerb, Widergabe, Reflexion im eigentlichen physikalischen Sinne wie es ein Spiegel zeigt oder wie Heinrich von Kleist in: >Verfertigung der Gedanken beim Reden< schreibt , "nur ganz gemeine Geister, Leute, die was [...] sei, gestern auswendig gelernt, und morgen schon wieder vergessen haben, [...]."

Halbbildung geht nach Adorno nicht der Bildung voraus, sondern folgt ihr. Damit ist Kritik ohne Kenntnis des Bildungsbegriffs unmöglich, dieser wird vorausgesetzt als der Ausgangs- und Messpunkt (vergleichbar dem Ur-Meter), zum Vergleich einer als unzulänglich bewerteten Bildung. Ein halbgebildeter Mensch hat sich dasselbe Wissen angeeignet, über das auch ein Gebildeter verfügt, aber er gebraucht sein Wissen, indem er Phänomene klassifiziert und subsumiert, anstatt sie in ihrer vollen Lebendigkeit zusammenhängend zu begreifen. Die Freiheit der Bildung, die Aufklärung, Lebensnähe, Autonomie und sonstige Bildungsideale werden nach Liessmann (vgl. Die Theorie der Unbildung) in eine PISA Rangfolgendiskussion umgewandelt. Bildung quasi als Wert, wie Adorno sagt, der aber nicht einer natürlichen Bewegung entsprechend sich den Veränderungen schmiegsam anpasst, sondern nur statisch vorgeben sich präsentiert. Mit dieser Starrheit präsentiert sich der Halbgebildete dem völlig Ungebildeten unterlegen. Denn letzterer verfügt zumindest über den natürlichen, ursprünglichen, kindlich unvoreingenommenen Blick. Diese kindliche Unvoreingenommenheit fehlt dem domestizierten Halbgebildeten. Sein Wissen ist reine Faktizität. Abendliche Ratesendungen wie Kreuzworträtsel bestimmen sein Leben. Adorno kommt zu dem Schluss, dass in der modernen Gesellschaft die zunehmende Verbreitung von Halbbildung einer "Allgegenwart des entfremdeten Geistes" gleichkommt.

Vielleicht erklärt eine Parabel Bildung im Sinne von gedanklicher Grenzüberschreitung über das rein Vorgefundene, (mit Dank an Schwanitz).

Ein sterbender Vater vererbt seinen drei Söhnen 17 Kamele. Der Älteste bekommt die Hälfte, der Zweite ein Drittel, der jüngste ein Neuntel. Nun stehen Sie vor dem Dilemma des Rechnens, welches ein vorbereitender Weiser wie folgt löst. Er nimmt sein Kamel, stellt es daneben und die nunmehr 18 Kamele teilt er in 9, 6, und 2 für die jeweiligen vererbten Anteile.
Das übriggebliebene Kamel ist seins, er verabschiedet sich und begleitet vom Dank der Brüder reitet er weiter.

Nun wie die PISA Studie eine Rangfolge europäischen Ausmaßes gebiert, ist auch die Rangfolge bei Amazon scheinbar eine Handhabe, Wissen und Halbbildung in Starrheit zu empfinden. Sie ist selbstbezüglich. Die Rezensionen verkümmern daher zum Gerangel um Plätze. Oder mit Rilke: Die Platznummer ist der Spiegel des eignen Wertes ohne Fenster. Gemessen an Adornos Bildungsbegriff verbessert niemand seine Bildung im Vergleich mit Mit-Rezensenten, sondern ausschließlich im Vergleich zum ursprünglichen Messpunkt. Auf diesem Wege sind doch alle Menschen und deren abgewogene Meinung von positivem Wert.

"Denn Bildung muss der Zweck unserer [Lebens]Reise sein und wir müssen ihn erreichen oder der Entwurf ist unsinnig wie die Ausführung ungeschickt". (H. v. Kleist)
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 19. Januar 2007
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